Los 864

Verzierte altorientalische Goldschale mit Elementen neubabylonischer und neuassyrischer Kunst, Kultgefäß eines Königshofes, 1. Hälfte 6. Jhdt. v. Chr.

Kunst, Antiquitäten & Antiken | A109kua | Präsenzauktion | 1190 Lose

Startpreis € 35.000

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Beschreibung

Dickwandige, runde Schale, Durchmesser 12,6 cm, deren kalottenförmige, vollständig gerundete Wandung ohne Standboden im unteren, mittigen Abschnitt etwas weniger gewölbt ist als an den steileren, äußeren Partien unterhalb der Mündung. Höhe 5 cm. Der Rand außen deutlich verdickt und mit einem scharfen Umbruch versehen, im oberen Teil eben, darunter zur Wandung hin leicht eingezogen. Auf der Außenwand knapp unterhalb des Randes ein oben und unten durch je zwei ringsum verlaufende, parallele Ritzlinien begrenztes Zierfeld mit floralen und tiergestaltigen Motiven in Punz- und Graviertechnik; ein Rapport aus zwei identischen Sequenzen. Eine Sequenz besteht aus drei geschlossenen Blüten, in deren Zwischenräumen je eine fünfblättrige Palmette platziert ist, aus der unten zwei außen eingerollte Stengel hervortreten, die mit ihrer Windung die geschlossenen Blüten am unteren Rand berühren. Ein gleichartiger Stengel befindet sich am Anfang und am Ende der floralen Elemente der Sequenz. Er mündet jedoch nicht in eine Palmette, sondern in eine deutlich kleinere, aber halb geöffnete Blüte. Im Anschluss an die rechte, halbgeöffnete Blüte ist ein nach rechts schreitender Löwe mit nach oben eingerolltem Schwanz gepunzt und graviert. Die Mähne ist durch eine gegenläufige Schraffur dargestellt, die Ohren eng anliegend und das Maul aufgerissen. Weitere anatomische Details wie die Augen oder hervortretende Muskelpartien werden durch Punzung dargestellt. Im Inneren der Schale befindet sich im Zentrum eine zwölfblättrige Rosette, ebenfalls gepunzt und graviert, deren Blätter vom Mittelpunkt der Schale ausgehen. Die runden Enden der Blätter außen nochmals von parallel verlaufenden Bögen eingefasst. Unter dem Rosettenmotiv ragen kreuzförmig angeordnet vier kurze Stengel hervor, die am Ende halbgeöffnete Blüten wie auf dem äußeren Rapport tragen. Die Materialdicke schwankt zwischen 0,6 und 4,5 mm, was optisch jedoch nicht zu bemerken ist. Am Schalenrand im Abstand von 6,5 cm zwei vertikale verlaufende Risse (3,2 cm und 1,5 cm). Vom größeren Riss geht noch ein quer verlaufender Riss aus. Ferner unterschiedliche, kleine "Defekte" auf der Oberfläche, die teils herstellungstechnisch, teils durch Gebrauchsspuren und leichte Schäden bedingt sind: winzige Aufplatzungen, Risse, Spalten und Kratzer vor allem auf der Außenseite im Bereich des Zierbandes. Die antiken Gebrauchsspuren lassen sich von den modernen Kratzern gut unterscheiden. Darüber hinaus findet sich partiell und fleckig eine rötliche Patina auf dem Gefäß, eine natürliche Ablagerung oder Diffusion von Eisen aus dem Erdreich in die Goldoberfläche; ein weiteres Indiz für die Authentizität des Objektes. Die Herstellungstechnik und Materialzusammensetzung sind ungewöhnlich. Archäometrische Untersuchungen haben vor allem in Anbetracht des hohen Quecksilberanteils in der Legierung von über 10 % sowie 1% Silber und einem Goldanteil von nahezu 87% eine Herstellung aus einem Goldamalgam in einer Negativform in Erwägung gezogen, in Analogie zum Einsatz von Negativformen bei hochwertigen Glasprodukten in der gleichen Zeit. Goldamalgame wurden bereits an Objekten aus Eurasien verifiziert, mangels Analysen von altorientalischen Goldobjekten ist deren Verbreitung bisher aber nur lückenhaft nachzuweisen. Kulturgeschichtlich handelt es sich bei der Schale um einen späten Vertreter von altorientalischen Metallschalen des Typs 1E nach der Gliederung von P.H.G.H. Smith (1986), der schon seit der Mitte des 2. Jtsdt. v. Chr. vorkommt. Eine kunstgeschichtliche Analyse der Elemente der Ornamentik im Zusammenhang mit zeitgenössischen Kunstwerken legt jedoch klar eine Datierung in die 1. Hälfte des 6. Jhdts. v. Chr. nahe, darunter Elfenbeinschnitzereien der Epoche oder die Wandverkleidungen der Prozessionsstraße und der Thronsaalfassade des Königspalastes in der Südburg von Babylon (beide 6. Jhdt. v. Chr.). Das Gewicht von 251,2 g entspricht recht genau einer halben "Mine" (250g). Tatsächlich erwähnen zeitgenössische Keilschrifttexte mehrfach dieses Gewicht für Goldgefäße. Die Schale ist aufgrund der späten Datierung das bisher einzig bekannte Exemplar aus dieser späten Zeit, aus der ohnehin kaum Goldgeräte bekannt sind, und die chronologisch etwa der letzten Blüte des neubabylonischen Reiches entspricht. Der unbekannte Fundkontext und der hybride Charakter mit einer Verarbeitung von Ornamenten neuassyrischer, neubabylonischer und nordsyrischer Tradition lassen die genaue regionale und historische Zuordnung spekulativ bleiben. In jedem Fall gehört die Schale in die Umgebung eines königlichen Hofes, wo die Löwenjagd ein königliches Privileg darstellte, die in vielfacher Form Gegenstand herrscherlicher Selbstdarstellung ist, u.a. auf Gegenständen großer und kleiner Kunst. Im Zusammenhang mit der Löwenjagd sind auch Schüttopfer kultischer Getränke (Libationen) mit solchen Schalen überliefert, z. B. auf einem Steinrelief vom Nordpalast des Assurbanipal (668 - 630?) in Ninive, welche zugleich die Haltung der Hand bei der Ausübung solcher Rituale gut dokumentiert. Auch in anderen zeremonialen Zusammenhängen altorientalischer Hofkultur ist der Gebrauch solcher Schalen belegt. Die Schale stellt somit ein einzigartiges kulturelles Zeugnis von musealem Rang aus der letzten Blütezeit altorientalischer Königreiche und Fürstentümer vor der Dominanz des persischen Reiches der Achämeniden ab dem ausgehenden 6. Jahrhundert dar. In einer Kooperation aus Würzburger und Berliner altertumswissenschaftlichen Institutionen wurde der Schale im Sommer 2006 eine eigene Ausstellung im Martin von Wagner Museum der Universität Würzburg in der Würzburger Residenz gewidmet (Titel: „Kunst und Technik im alten Orient. Eine babylonische Goldschale auf dem Prüfstand“). Zugleich erschien eine wissenschaftliche Monographie mit zahlreichen Beiträgen unterschiedlicher Disziplinen, die alle Aspekte der Goldschale einer ausführlichen Würdigung unterzog: Herrmann Born und Elisabeth Völling: Gold im alten Orient. Technik - Naturwissenschaft - Altorientalistik. Würzburg, 2006. KULTURGUT! Provenienz: Vom jetzigen Besitzer 2002 aus britischem Privatbesitz erworben. 1980 vom Vorbesitzer nach London verbracht und im gleichen Jahr mit notariellem Eigentumseintrag versehen sowie durch das Art Loss Register in London und Köln überprüft. Vom Vater des Vorbesitzers 1961 erworben.

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Allgemeine Informationen

Unsere Auktion "Kunst, Antiquitäten & Antiken" umfasst 1190 Lose und findet am Montag, dem 16. Nov, sowie Dienstag, dem 17. Nov 2026 in unseren Auktionsräumen in Grasbrunn bei München statt. Beginnzeiten, Vorbesichtigungsdaten sowie weitere Informationen finden Sie unten.