Los 4130

Albert Speer - eigenhändig signiertes, 10-seitiges Dokument "Wirtschaftslage März - April 1945 und Folgerungen" vom 15.3.1945

Deutsche Zeitgeschichte - Orden und Militaria ab 1919 | A79r | Präsenzauktion | 787 Lose

Beschreibung

Durchschlag des auf der Dokumenten-Schreibmaschine mit den großen Lettern verfassten Berichts mit eigenhändigen Ergänzungen/Korrekturen Albert Speers in blauem Kopierstift, die letzte Seite ebenfalls in blauem Kopierstift signiert und datiert "Albert Speer - Berlin, den 15. III. 1945". Auf den ersten vier Seiten schildert Speer die drastischen Einbrüche der Kohleproduktion durch die Verlegung der Front an den Rhein und den Verlust Oberschlesiens sowie die Folgen der mangelnden Kohleversorgung für die Wirtschaftszweige und die "schon an letzter Stelle stehende Rüstungswirtschaft". Er prognostiziert den Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft innerhalb der kommenden "4 - 8 Wochen" und das einhergehende Ende der militärischen Fortsetzung des Krieges. Überleitend zu seinen Folgerungen attestiert er dem deutschen Volk "seine Pflicht erfüllt und seine Aufgaben unter Umständen durchgeführt" zu haben, "die weitaus schwieriger waren, als je in einem Krieg zuvor", und nimmt das Volk von einer Verantwortung für eine Niederlage aus. Die Führung hingegen habe die Verpflichtung "ohne Rücksicht auf unser Schicksal", "dem Volk in den schweren Stunden [.] zu helfen". Die Folgerungen Speers sind nun in einer geschickten Mischung aus Appellen an die Vernunft bis hin zu vorsichtig formulierten, befehlsartigen Anweisungen geschrieben. So sei "Für das von mir verantwortete Teilgebiet der deutschen Produktion und des Verkehrs" niemand berechtigt, Industrieanlagen etc. zu zerstören oder Brücken zu sprengen, er schildert die Folgen solcher Aktionen für das deutsche Volk, lässt aber immer wieder Ausnahmen zu ("solange der Vormarsch des Gegners noch verhindert werden kann"), um dann drastisch zu formulieren "Es muss durch einen scharfen Befehl sichergestellt werden, dass sowohl die Wehrmacht, als auch die Partei, einschl. Volkssturm, von sich aus nicht das Recht haben, im eigenen Land willkürlich Brücken zu zerstören.". Außerdem ordnet er die Vorbereitung einer Verteilung "auf Stichwort" von Lagerbeständen an "Bekleidungs- und Gebrauchsgegenständen" sowie von Lebensmitteln aus Wehrmachtsbeständen an die Bevölkerung an und schließt mit den Worten "Wenn diese Gegner dieses Volk [.] zerstören wollen, so soll ihnen diese geschichtliche Schande ausschließlich zufallen. Wir haben die Verpflichtung, dem Volk alle Möglichkeiten zu lassen, die ihm in fernerer Zukunft wieder einen neuen Aufbau sichern könnten." Zeitgeschichtlich bedeutendes Dokument, in dem Speer schon vier Tage vor der Veröffentlichung des "Führererlasses" vom 19.3.1945 (sog. "Nerobefehl") dazu aufruft, nicht nur jegliche Zerstörungsbefehle nicht zu befolgen, sondern auch aktiv andere Personen oder Organisationen daran zu hindern. Albert Speer (1905 - 1981), ab 1934 der für Hitlers Umbaupläne in Berlin verantwortliche Architekt, wird nach dem Tod Fritz Todts 1942 Reichsminister für Bewaffnung und Munition. Als ihm Ende 1944 der Zusammenbruch der Rüstungsproduktion unausweichlich erscheint, warnt er Hitler und wendet sich vehement gegen "Führerbefehle", die die sog. Politik der "verbrannten Erde" anordnen, wie etwa der sog. "Trümmerfeldbefehl" mit der Zerstörung von Paris vom 23.8.1944. Auch von seinen Mitarbeitern fordert er im Januar 1945, keine Anstrengungen mehr für die Rüstungproduktion zu unternehmen, und gibt im März 1945 die Anweisung, Landmaschinen und Lebensmitteln den Vorzug vor Rüstungsgütern zu geben. Nach dem Erlass des "Nerobefehls" ignoriert Speer diesen und erreicht dennoch, dass ihm Hitler Ende März die gesamte Verantwortung für sämtliche Zerstörungsmaßnahmen überträgt. Höchstwahrscheinlich handelt es sich bei diesem Dokument um die Denkschrift, die Speer am Vorabend des Erlasses des "Nerobefehls" vorlegte, um ihn vor den Folgen eines solchen Befehls angesichts der Niederlage zu warnen. Dieses Dokument, datiert auf den 15. März 1945, legte Speer nämlich als Beweisstück dem International Military Tribunal in Nürnberg vor, wo es als Nr. 23 in die Unterlagen aufgenommen wurde. Vgl. Max Domarus, Hitler-Reden 1932 - 19845, Band 4, S. 2213, insbesondere Fußnote 104. Zustand: II - Fragen zum Los?

Allgemeine Informationen

Unsere Auktion "Deutsche Zeitgeschichte ab 1919" beinhaltet 787 Lose. Die Auktion startet am Freitag, den 24. Mai 2019 um 10:00 Uhr. (Lose: 4001 - 4787). Vorbesichtigung: 15. - 19. Mai 2019 von je 14:00 - 18:00 Uhr.