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Kaiserin Elisabeth von Österreich - prunkvolles Petschaft

aus Silber und Lapislazuli, Heinrich Jauner K.K. Kammer Graveur,

Wien, vermutlich 1889

In Silber detailliert gearbeitete Figur der behelmten Pallas Athene, in

der rechten Hand die Siegesgöttin Nike tragend, in der linken einen

Speer. Das runde Podest mit Feingehaltspunze des Wiener Prüfamtes

für 800er Silber, der Sockel aus blauem Lapislazuli gefertigt, dort um­

laufend in Griechisch eingeschnitten der Name „Elisabeth”. Die

Siegelfläche ebenfalls aus Silber mit erneuter Silberpunze und undeut­

licher Meistermarke, tief geschnittenem Monogramm „E” unter der

Krone der Kaiserin und mit umlaufendemMäanderfries. Gesamthöhe

16,3 cm. Im originalen Etui aus rotem Maroquin-Leder und mit wein­

rotem Samt- und Seidenfutter, im Deckel goldgeprägter Doppeladler

über „Jauner - K.K. Kammer Graveur Wien Augustinerstr. 13”. Maße

des Etuis ca. 20 x 9 x 5,5 cm.

Außergewöhnlich schöne Arbeit. Als Vorlage für die Darstellung der

Pallas Athene diente der Entwurf Theophil von Hansens für den

Pallas-Athene-Brunnen vor dem Parlamentsgebäude in Wien. Bereits

1870 wurde der gesamte Parlamentskomplex von Theophil von Hansen

entworfen, 1874 erfolgte die Grundsteinlegung für das Parlament, das

1883 im Stil eines attischen Tempels fertiggestellt wurde, aber erst

15 Jahre später wurde der Pallas-Athene-Brunnen errichtet und im

Jahr 1902 enthüllt.

Theophil Hansen (1813-91), bedeutender dänisch-österreichischer

Architekt, der 1837 nach Athen ging, um die hellenistische Baukunst

zu studieren und dort u.a. die Sternwarte erbaute. Von einem Bankier

nach Wien geholt, entwarf er das Gebäude des heutigen Heeres­

geschichtlichen Museums und wurde einer der wichtigsten Baumeister

des strengen Historismus oder Wiener Stils. Neben dem 1883 eröffne­

ten Parlamentsgebäude ist er vor allen Dingen für den Bau des Gebäu­

des des Wiener Kunstvereins bekannt, dessen „Goldener Saal” wegen

seiner herausragenden Akustik bis heute noch kopiert wird. 1863 wur­

de Hansen zum Ehrenbürger Wiens ernannt, 1867 von Kaiser Franz

Josef in den Ritterstand und 1884 in den Freiherrnstand erhoben.

Die Vorliebe der Kaiserin für Griechenland und die griechische

Mythologie ist hinreichend bekannt, seit ihrem ersten Besuch auf

Korfu im Jahr 1860 reiste sie immer wieder dorthin, bis Kaiser Franz

Josef schließlich 1889 eine alte baufällige Villa erwarb, die sie zwischen

1890 und 1892 zu ihrem „Achilleion” umbauen ließ.

Höchstwahrscheinlich handelt es sich bei diesem Petschaft sogar um

ein Geschenk Theophil von Hansens an die Kaiserin, da er den Ent­

wurf der bis dato noch nicht erbauten Pallas Athene am Brunnen

kannte (identisch mit einer kleinen Ausnahme, an dem Petschaft trägt

die Nike den Lorbeerkranz in beiden hocherhobenen Händen, am

späteren Brunnen nur in der linken Hand), aber vor allen Dingen, da

er neben Raffaele Carito (der letztlich den Zuschlag erhielt) von der

Kaiserin im Jahr 1889 beauftragt wurde, Entwürfe für den Bau ihres

Palasts auf Korfu vorzulegen.

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