Kunst und Antiquitaeten - Antiken, Asiatika und Russische Kunst

56 | 35 Monumentale Grabhydria mit Naiskosszene, apulisch, Mitte 4. Jhdt. v. Chr. Zylindrischer Fuß mit weit ausladender Standplatte, deren Rand profi- liert. Darüber über einer Kehlung der ovoide Bauch, der oben rund aber doch deutlich zur konischen, minimal eingezogenen Schulter um- bricht. Diese geht mit einem kaumwahrnehmbaren Absatz in den dop- pelkonischen, einwärts gezogenen Hals über, der durch einen teller­ förmigen Rand abgeschlossen wird, der eine profilierte, schräg nach unten verlaufende und leicht überhängende Randlippe besitzt. Im obe- ren Abschnitt des Bauches zwei gegenüberliegende, rundstabige hori- zontale Henkel mit nach oben gezogenen Seiten. Hinter der Schauseite, in der Mitte zwischen den beiden horizontalen Bauchhenkeln ein ver- tikaler, rundstabiger Henkel, der vomHals aus, direkt unter demRand, hin zur Schulter, direkt oberhalb des Umbruchs zum Bauch, im Bogen verläuft. Innerhalb der von den Bauchhenkeln eingeschlossenen Fläche zwei sogenannte „Brennlöcher”, die möglicherweise jedoch eher zur Befestigung von funeralem Schmuck wie Bändern oder Girlanden dienten. Das Gefäß mit einer üppigen, rotfigurigenMalerei bedeckt. Der Bauch unten mit einer schwarzen Zone, darüber ein Mäander. Darüber die Bildzone. Die Schauseite zeigt ein zweisäuliges Grabtempelchen (Nais- kos) oberhalb eines Podestes mit Wellenranke, der Giebel mit Akrote- ren geschmückt. Im Inneren des Tempels die durch weiße Farbe als Verstorbene gekennzeichnete Dame. Sie trägt ein Diadem, ist mit einem Chiton bekleidet und sitzt auf einem Klapphocker. Flankiert wird sie von zwei Dienerinnen, gleichfalls in weißer Farbe, von denen eine ein geöffnetes Kästchen, die andere einen Fächer hält. Diese Figu- rengruppe entsprach real existierenden Grabstatuetten bzw. einem Grabrelief. Seitlich vier Frauenfiguren, die oberen sitzend, die unteren stehend, in roter Farbe. Sie halten diverse Gegenstände in den Händen, darunter Kästchen und Spinnrocken, oder sind durch frei im Feld auf- gemalte Attribute in ihren Tätigkeiten charakterisiert. Obwohl der Blick dem Naiskos zugewandt ist, zeigen diese Frauengestalten keiner- lei Anzeichen von Schmerz oder Trauer, sondern sind eher teilnahms- los und neutral auf ihr Handeln fixiert. Die rote Farbe kennzeichnet sie als „lebendig” und sie stehen wohl nicht für Angehörige der Toten, sondern für aktive Frauen in einer jenseitigen Sphäre, in welche die Verstorbene überführt werden soll. Hinter der Schauseite zwischen den Henkeln und auf der Rückseite vollflächig aufgetragen rote Palmetten auf schwarzem Grund. Der Hals durch einen Kranz mit weißen und roten Blättern verziert, der vorne oberhalb des Giebels des Naiskos mit einer Blüte versehen ist. Auf der Randlippe ein ionisches Kymation. Ein Prachtexemplar apulischer Grabkeramik von außergewöhnlicher Größe mit detailreichen Abbildungen. Aus Scherben vollständig wie- der zusammengesetzt. An den Bruchstellen geringfügige Ausbesserun- gen der Malerei. Höhe 70 cm. Breite 50 cm. Provenienz: Aus deutscher Privatsammlung, anschließend in deut- scher Galerie, dann versteigert bei Christie’s, New York. Mit italieni- scher Exportlizenz vom Januar 2021.

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